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Schamanischer Bewusstseinszustand

Schamanischer Bewusstseinszustand

Klare Trance statt Kontrollverlust

Der schamanische Bewusstheitszustand wird in modernen Vorstellungen oft missverstanden: als Wegtreten, Ekstase oder Kontrollverlust. In der traditionellen schamanischen Praxis ist jedoch das Gegenteil der Fall. Schamanische Trance ist ein Zustand höchster Präsenz, nicht der Bewusstlosigkeit. Sie verbindet Wachheit, Fokus und Offenheit zu einer besonderen Qualität von Wahrnehmung.

Der schamanische Bewusstheitszustand

Was den schamanischen Bewusstheitszustand auszeichnet

Ein zentrales Merkmal schamanischer Trance ist ein scheinbarer Widerspruch, der in Wahrheit ihr Kern ist:

Der Verstand bleibt klar, wach und handlungsfähig.

  • keine Bewusstlosigkeit
  • kein Wegtreten
  • kein Ausgeliefertsein

Der schamanische Bewusstheitszustand ist ein fokussierter Wachzustand, in dem:

  • Aufmerksamkeit gebündelt ist
  • Wahrnehmung sich erweitert
  • gezieltes Handeln jederzeit möglich bleibt

Der Praktizierende kann die Trance:

  • bewusst beginnen
  • lenken
  • und klar beenden

Kontrolle wird nicht abgegeben, sondern verfeinert.

Märchen als Erinnerung an schamanisches Bewusstsein

Viele europäische Märchen bewahren alte schamanische Erfahrungsräume. Das Beispiel Frau Holle ist hierfür besonders treffend:

  • Der Brunnen → Übergang in eine andere Wirklichkeitsebene
  • Das blühende Land → nichtalltägliche Welt
  • Sprechende Brote und Apfelbaum → beseelte Natur
  • Der Dienst (Schütteln, Helfen) → Voraussetzung für Erkenntnis
  • Der Schnee auf der Erde → Wirkung aus der anderen Welt im Diesseits

Entscheidend ist:
Goldmarie handelt klar, aufmerksam und verantwortungsvoll. Sie ist nicht „weg“, sondern tiefer anwesend – genau das kennzeichnet schamanisches Bewusstsein.

Trance als Bewusstseinsverschiebung, nicht als Flucht

Schamanische Trance bedeutet keine Realitätsflucht, sondern eine Verschiebung der Wahrnehmung:

  • Veränderung innerer Zeit
  • erhöhte Bildhaftigkeit
  • verstärkte Körper- und Gefühlssensibilität

Der Alltagsverstand tritt in den Hintergrund, ohne zu verschwinden.
So wird der Zugang zu Ebenen möglich, die im normalen Denken überlagert sind, also nicht jenseits der Realität, sondern unter ihrer Oberfläche.

Trommel und Rassel – gezielte Hilfsmittel

Die Trommel ist kein zufälliges Instrument:

  • monotone Rhythmen beeinflussen die Gehirnfrequenz
  • häufige Schläge pro Sekunde begünstigen Theta-Zustände
  • diese sind verbunden mit Imagination, Erinnerung und Tiefe

Schamanische Rhythmen sind gezielt und individuell, nicht massenwirksam oder beliebig.

Zugleich tragen Trommel und Rassel starke Symbolik:

  • Kreisform → Ganzheit, Welt
  • Schlag → Rhythmus des Lebens

Wer sie spielt, tritt bewusst in Resonanz mit dem Ganzen.

Neurobiologische und symbolische Ebene

Der schamanische Bewusstheitszustand wirkt auf zwei Ebenen zugleich:

Körperlich-neurobiologisch

  • veränderte neuronale Aktivitätsmuster
  • kohärentere Wahrnehmung
  • intensivere innere Bilder

Symbolisch-bewusstseinsbezogen

  • Zugang zur „unsichtbaren Welt“
  • Wahrnehmung von Bedeutungen, Mustern und Zusammenhängen
  • Sinn hinter der sichtbaren Form

Beides geschieht gleichzeitig.
Körper und Bewusstsein wirken nicht getrennt, sondern ineinander verschränkt.

Ritual als Halt und Schutz

Schamanische Trance ist immer ritualgebettet:

  • klarer Beginn
  • klare Absicht
  • klarer Abschluss

Das Ritual:

  • hält den Raum
  • verhindert Überforderung
  • macht das Erlebte integrierbar

Ohne diesen Rahmen kann Trance destabilisieren. Mit ihm wird sie tragfähig, sicher und heilsam.

Mögliche Anwendungen im schamanischen Verständnis

Innerhalb dieses Bewusstheitszustands werden traditionell Arbeiten verrichtet wie:

Wichtig:
Diese Arbeiten ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, sondern wirken auf der symbolisch-seelischen Ebene, die das Erleben prägt.

Das Ich tritt zurück – ohne sich aufzulösen

Im schamanischen Bewusstheitszustand wird das Ich nicht zerstört, sondern:

  • relativiert
  • beruhigt
  • in den Dienst des Ganzen gestellt

Anhaftungen, Identifikationen und innere Blockaden können erkannt werden, weil sie nicht mehr das Zentrum besetzen.,Das Ich bleibt vorhanden – aber es dominiert nicht.

Der schamanische Bewusstheitszustand ist:

  • ein klarer, wacher Trancezustand
  • gesteuert, bewusst und jederzeit beendbar
  • getragen von Rhythmus, Ritual und Absicht
  • ein Zugang zu tieferen Wahrnehmungs- und Bedeutungsebenen
  • kein Kontrollverlust, sondern vertiefte Präsenz

Er führt nicht weg vom Ich, sondern durch es hindurch, hin zu einem Erleben von Verbundenheit, Klarheit und Verantwortung.

Schamanische Trance ist kein Fallenlassen, sondern bewusstes Stehen im erweiterten Raum des Lebens.

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